Essay: Kleider machen Geschlecht? kinki Magazine

Erschienen in kinki nr.39 sep/okt 2011

Wenn man manchen Beschreibungen modischer Trends, wie „maskulin“ „weiblich“ oder auch „mädchenhaft verspielt“ und „androgyn“, wie sie besonders gerne in den einschlägigen Modemagazinen zu finden sind, Glauben schenken mag, dann gibt es soetwas wie deutlich geschlechterbezogene Kleidung. „Klar“, mag der spontane Leser denken, schließlich werden z.B. Röcke hauptsächlich von Frauen getragen, während z.B. der Businessanzug das Alltagskleid vieler Männer ist. Ganz so einfach ist es aber leider nicht. Genauer betrachtet ist ein Rock zunächst nichts anderes als ein spezifisch geformtes und zu tragendes Stück Stoff. Was den Rock in vielen Gesellschaften zu einem weiblichen Kleidungsstück macht, sind kulturelle Prägungen, verbunden mit stereotypen Vorstellungen davon, was es heißt, „weiblich“ zu sein…

Bis zum ausgehenden Mittelalter wurden Röcke noch von beiden Geschlechtern getragen, bis sich in westlichen Kulturen die Hose für den Herren durchsetzte, von Trachten und vereinzelten modischen Erscheinungen in denen Mann auch heute noch, bzw. wieder Rock trägt, einmal abgesehen. Wenn in einem Modemagazin nun „männlich“ oder „weiblich“ als Adjektive zur Beschreibung eines Trends verwendet werden, kann der Leser davon ausgehen, dass es weniger darum geht, auf ein besonders auf die weibliche, bzw. männliche Anatomie zugeschnittenes Kleidungsstück hinzuweisen, sondern vielmehr darum, be-stimmte Assoziationen von dem, was wir typischerweise unter „männlich“ oder „weiblich“ verstehen zu wecken. Im Modekontext könnte man da bei weiblicher Mode an Pastellfarben, fließend, leichte Stoffe, zarte Blumenprints denken, wohingegen männliche Mode wohl eher Vorstellungen von klaren Schnittführungen, robusteren Materialien entstehen lässt, gekoppelt an Stereotype der sensiblen, liebenden, mütterlichen Frau und dem rohen, strebsamen, arbeitenden Mann. Selbstverständlich sind all jene Assoziationen nicht von der gesellschaftlichen Ordnung zu trennen, auf die die jeweilige Mode referiert. Dass es beispielsweise in den 50er Jahren eine striktere Vorstellung davon gegeben hat, was unter „weiblich“ und „männlich“ zu verstehen ist, zeigt heute aber umso mehr, dass solcherlei Beschreibungen irreführend sind, weil sie auf etwas Bezug nehmen und gleichzeitig zu zementieren scheinen, was spätestens seit der Frauenbewegung längst nicht mehr so klar sein sollte. Anzumerken sei auch noch, dass die Männermode von derlei schriftlichen Attributen gänzlich frei zu sein scheint. Wohl kaum findet man in der Beschreibung eines beispielsweise rosa Hemdes die Bezeichnung „feminin“. Männer kleiden sich anscheinend nicht „weiblich“, selbst wenn sie etwas tragen, das sich strenggenommen innerhalb der oben beschriebenen Kategorisierungen bewegt.

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So ist etwa auch ein berockter Mann eher besonders männlich, verweist auf Mut, Kühnheit und Stärke, weil er sich über Stereotype hinwegzusetzen vermag und naturnah und roh wirkt, wie Braveheart im Kilt in den schottischen Highlands. Eine Frau jedoch, die sich in der vermeintlich männlichen Kleiderschublade bedient wird bestenfalls als „androgyn“ bezeichnet, eher noch als „maskulin“, am wenigsten aber als besonders weiblich. Eine genauere Analyse der Trendbeschreibungen in Frauenmodemagazinen zeigt, dass die Beschreibung „maskulin“ meist solche Kleidung betrifft, die im englischen mit dem Wort „tailored“ bezeichnet wird, also Blazer, Hosenanzüge oder auch Jumpsuits. Jüngstes Beispiel dürfte wohl auch die locker auf der Hüfte sitzende, etwas weiter geschnittene Jeans sein, die so ausschaut, als sei sie aus dem Schrank des „Boyfriends“, nicht dass sie es tatsächlich wäre, sie heißt nur einfach so, die „Boyfriend-Jeans“. Und überhaupt, alles was irgendwie weiter geschnitten ist, neckisch von einer Schulter rutscht oder sonst wie übergroß ist, wird als „boyisch“ – jungenhaft – bezeichnet.

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Man sollte meinen, dass seit Frauen in den 30er und 40er Jahren selbstbewusst und wohl auch Unverständnis erregend begannen Hosen zu tragen und damit auch ein politisches Statement zu setzen wussten, sich über 70 Jahre später an geschlechtlich-stereotypen Zuschreibungen etwas geändert hat. Wenn das Straßenbild westlicher Großstädte an einem durchschnittlichen Tag auch mehr Frauen in Hosen als in Kleidern und Röcken zeigt, so sind diese, treibt man es auf die Spitze, allesamt „männlich“ gekleidet, dadurch auch automatisch weniger weiblich an sich, als entledige Sie sich mit ihrem Kleid auch gleich ihrer Weiblichkeit. Das gern zitierte Beispiel der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel sei auch an dieser Stelle angeführt: Frau Merkel mag für vieles bekannt sein, aber nicht für ihre Freude an der Mode, was ihr nicht zu verübeln ist. Wählt sie im Alltagsgeschäft gern den unverfänglichen und in der Modewelt als „maskulin“ konnotierten Hosenanzug, tut sie es ihren männlichen Kollegen gleich und wirkt gleichwohl weniger weiblich, mütterlich, sensibel, umsorgend, sondern eher männlich, autonom, stark und durchsetzungsfähig. Bei der Eröffnung der Osloer Oper 2008 wagte Frau Merkel den Griff in die Frauenkiste und erschien in tief dekolletierter Robe. Das Bild des Busens der Bundeskanzlerin ging um die Welt und das stolze Deutschland wirkte kurz wie ein zahmes Kalb an der Zitze der Mutterkuh. Wohlwollende Stimmen ob des Mutes der Merkel mischten sich mit heftiger Kritik an einer scheinbaren Entgleisung, einer großen Verwirrung darüber, dass sich unter dem immer wiederkehrenden Anzug der Kanzlerin wohl tatsächlich auch ein Frauenkörper verbirgt. Turnt Vladimir Putin mit nackter behaarter Brust auf seiner Yacht herum, dann ist das nicht unbedingt schön anzusehen, aber irgendwie auch ein Beweis seiner durchsetzungsstarken Männlichkeit, wohingegen Frau Merkels Brüste die patriarchale Gesellschaftsstruktur kurzzeitig ins Wanken bringen, die Frauen an der Macht zu dulden scheint, aber eben nur, wenn sie sich auf der imaginären Skala der Geschlechter möglichst nah am Pol der Männlichkeit befinden und somit gleichzeitig fern der Weiblichkeit, als passe das nicht zusammen, Führungskraft und Frausein.

Es gibt im Grunde zwei große Lager, die in ihrer Erklärungsfindung immer wieder aneinander geraten. Das eine vertritt im Grunde sehr alte Ansichten darüber, dass mit dem biologischen Geschlecht automatisch entsprechende, prädisponierte Eigenschaften auftreten. Dem sogenannten biologischen Determinismus zufolge sind also Männer und Frauen von Geburt an anders und somit auch die gesellschaftliche Rollenverteilung nach der Frauen eher dem mütterlich, häuslichen Bereich und Männer dem öffentlichen, arbeitenden Bereich zugeordnet sind, nur logisch. Frauen, die nun nach Macht im Außen streben handeln demnach eher männlich, also nicht artgerecht, während Männer, die sich gerne dem Haushalt und der Kindererziehung widmen möchten, automatisch ihre Männlichkeit einbüßen. Folgt man der postrukturalistischen Ansicht, deren wohl berühmteste Vertreterin Judith Butler ist, die sich wiederum auf die Aussage Simone de Beauvoirs bezieht, nach der man nicht als Frau zur Welt komme, sondern erst dazu gemacht werde, sind Geschlechterrollen allein kulturell determiniert. D.h. Männer und Frau verhalten sich entsprechend dem, was gesellschaftlich als männlich oder weiblich gilt. Beide Erklärungsansätze begegnen einer nach wie vor ungleichen Gesellschaftsstruktur, die sich in vielfältiger Ausprägung in Wirtschaft und Politik, bis hin zu Trendbeschreibungen in Modemagazinen abbildet. Der Weg hin zu einer Frau, die einen übergroßen Blazer tragen darf, ohne dadurch etwas von ihrer Weiblichkeit einzubüßen ist noch lang. Ein starres Festhalten an biologischen Determinismen macht ihn schier unmöglich, wird er doch immer wieder gerne als Legitimation für eine ungleiche Gesellschaftsstruktur mit geschlechtsspezifischen Kleiderordnungen angeführt. Die Möglichkeitsspanne des einzelnen Menschen bleibt dabei unberücksichtigt und der Rahmen, innerhalb dessen jeder wie sie will seine Individualität, sei diese berockt, behost, bekleidet oder sonst wie, ausdrücken kann, begrenzt.